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Fahrscheinfreier Nahverkehr für Bremen?!

von Simone Cordes, 24. August 2020

Im Interview stellt die Bremer Initiative Einfach Einsteigen ihr Konzept vor

Die Bremer Initiative Einfach Einsteigen hat für die Hansestadt ein Konzept für einen ticketlosen Nahverkehr entwickelt. Damit öffnet sie den Weg für eine umfassende Verkehrswende in Bremen. Laut „Fahrradklima-Test“ des ADFCs ist Bremen die „fahrradfreundlichste“ deutsche Großstadt und befindet sich auf einem guten Weg, wenn es um das Thema Radfahren geht. Blickt man auf den Bremer Nahverkehr, so fällt auf, dass dieser im Bereich der Innenstadt mehr genutzt wird als weiter vom Zentrum entfernt und außerhalb der Stoßzeiten. Dies liegt unter anderem daran, dass die Anbindungen dort besser sind. Doch was kann getan werden, um den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) zu fördern und mehr Menschen dazu zu bewegen, in der ganzen Stadt mit Bus und Bahn zu fahren? Als Lösungsansatz wurden in der Vergangenheit verschiedene Modelle, wie zum Beispiel der Nulltarif, der kostenlose ÖPNV oder ein fahrscheinfreier Betrieb diskutiert. Es fehlten jedoch konkret ausgearbeitete Konzepte. Im Interview sprechen wir mit Wolfgang Geißler von Einfach Einsteigen über die Finanzierung eines ticketlosen Nahverkehrs, den Plan für die nächsten Jahre und die Zukunft des Bremer Nahverkehrs.

1. Warum wurde die Initiative Einfach Einsteigen ins Leben gerufen und wer steckt dahinter?

Wolfgang Geißler: „Einfach Einsteigen steht für eine Verkehrswende in Bremen und fordert einen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs sowie einen möglichst einfachen Zugang für alle. Die Folgen der jahrelangen Vernachlässigung des ÖPNVs in der Hansestadt zeigen sich besonders in der zunehmenden Zahl von Pendlerinnen und Pendlern, die mit dem Auto in die Stadt kommen und regelmäßig Staus rund um Bremen verursachen. Daher haben wir es uns zum Ziel gemacht, Bremens Nahverkehrsnetz auszubauen und zu verbessern, um mehr Menschen den Umstieg vom Auto auf den Nahverkehr zu ermöglichen. Wir haben ein fachlich ausgearbeitetes Modell vorgestellt, wie der Nahverkehr verbessert und ohne Ticketeinnahmen finanziert werden kann. Neben der Lösung von Verkehrsproblemen wollen wir mit der Verbesserung des Nahverkehrs sowie dessen fahrscheinfreier Nutzung zu einer ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung Bremens beitragen. Wir sind ein Team aus Bremerinnen und Bremern mit verschiedenen beruflichen Hintergründen, die gemeinsam das Konzept ausgearbeitet haben. Vor der Veröffentlichung haben wir über ein Jahr an der Konzeption des Modells gearbeitet und es mit Fachleuten diskutiert, um ein möglichst fundiertes Konzept vorzulegen. Darüber hinaus wird Einfach Einsteigen durch ein Team von tatkräftigen Freiwilligen und Praktikantinnen und Praktikanten unterstützt, die sich für einen nachhaltigen Verkehr in Bremen engagieren und auch eigene Projekte innerhalb der Initiative realisieren.“

2. Wie funktioniert das Konzept und wie soll es sich finanzieren?

„Grundsätzlich soll das Angebot des Nahverkehrs quantitativ und qualitativ verbessert werden. Dazu gehören zum einem der Ausbau und die Stabilisierung des Netzes, zum Beispiel durch den Bau neuer Linien und Haltepunkte der Busse, Straßenbahnen, aber auch der Regio-S-Bahn. Konkrete Überlegungen hierfür bietet der Bremer Verkehrsentwicklungsplan (VEP). Außerdem wollen wir die Aufenthaltsqualität in den Fahrzeugen verbessern. Hier kann man über bequemere Sitze, neues Design und Handyladestationen nachdenken. Wir streben zudem an, unser Konzept durch die Förderung von Rad- und Fußverkehr zu ergänzen, um auch diese Bereiche zu stärken. Die Finanzierung basiert auf einer paritätischen Umlage, die den Betrieb und Unterhalt des Nahverkehrs gewährleistet. Die eine Hälfte wird von allen volljährigen Bremerinnen und Bremern und Pendlerinnen und Pendlern geleistet, die 19,76 Euro im Monat bezahlen. Für Menschen mit geringem Einkommen (unter 1.140 Euro pro Monat) gilt ein monatlicher Beitrag von 10 Euro. Außerdem beteiligen sich Touristinnen und Touristen mit 3 Euro pro Übernachtung. Die andere Hälfte zahlen Unternehmen mit einer Gewinnumlage von 3,23 Prozent. Zudem zahlen Fernverkehrsunternehmen des Bus- und Flugverkehrs pro beförderter Person 0.70 Euro bei An- und Abreise. Durch diese Finanzierung fallen die bisherigen Zuschüsse Bremens an die Verkehrsunternehmen in Höhe von 75 Millionen Euro pro Jahr weg. Diese frei werdenden Mittel können in Zukunft für den Ausbau des Netzes, die Anschaffung neuer Fahrzeuge und den Bau zusätzlicher Haltepunkte sowie in weitere Infrastruktur investiert werden.“

3. Wie sehen die nächsten Schritte aus, um der Umsetzung näher zu kommen?

„Aktuell wird das Konzept von der Stadt Bremen begutachtet und wir versuchen das Konzept so oft wie möglich in die öffentliche Debatte einzubringen. Nach einem Beschluss braucht es eine Vorlaufzeit von etwa 2-4 Jahren, die dafür genutzt wird, neue Fahrzeuge zu beschaffen, weiteres benötigtes Personal einzustellen und neue Routen in Bremen zu planen. Währenddessen planen wir weitere Projekte, um unsere Ideen einer Verkehrswende weiter an die Öffentlichkeit zu tragen und die politische Diskussion zu verstärken. Dazu gehört zum Beispiel ein internationaler Kongress zum ticketlosen Nahverkehr, der für März 2021 geplant ist.“

4. Was könnte das Modell Einfach Einsteigen zur Zukunft der Mobilität in Bremen beitragen?

„Die Umsetzung des Basiskonzepts hat Vorteile auf vielen Ebenen. Besonders im Bereich Klimaschutz wird die zukünftige Steigerung der Nutzerzahlen des ÖPNVs und die Reduktion des Pkw-Verkehrs eine Verringerung der Luftverschmutzung und einen geringeren Ausstoß von CO² mit sich bringen. Außerdem wird der Verkehrslärm deutlich reduziert. Auch für soziale Aspekte birgt die Umsetzung des Konzepts Pluspunkte, da einkommensschwache Haushalte und Familien durch die Verringerung der ÖPNV-Kosten in Zukunft deutlich entlastet werden und für Kinder bis 18 Jahre gar keine Abgabe gezahlt werden muss. Des Weiteren wird es für finanziell Schwache leichter, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, da sie sich durch den Wegfall der Tickets leichter mal in die Bahn setzen und weiter entfernte Aktivitäten besuchen können. Ebenso zeigen Studien aus anderen europäischen Städten, dass sich der Suchradius Arbeitssuchender vergrößert und sich so ihre Chancen am Arbeitsmarkt verbessern. Für den verkehrspolitischen Bereich beinhaltet das Modell in Zukunft vor allem für Fußgängerinnen und Fußgänger sowie Radfahrerinnen und Radfahrer Vorteile, da weniger Autos im Straßenverkehr mehr Sicherheit bedeuten. Auch die regelmäßigen Staus werden durch eine Verkehrswende verringert, sodass der Wirtschaftsverkehr besser fließen kann und Menschen entspannter zur Arbeit kommen. Darüber hinaus gibt es keine Schwarzfahrprozesse mehr und auch der Wirtschafts- und Wissensstandort Bremen wird durch die positive öffentliche Resonanz in Deutschland gestärkt, da Bremen zur Vorzeigestadt für die Verkehrswende in Deutschland werden würde.“

5. Wo sehen Sie das Projekt in den nächsten drei Jahren?

„Wir sind zuversichtlich, dass das Konzept beschlossen und in Bremen umgesetzt wird. Diese Umsetzung und den weiteren Ausbau des Nahverkehrs werden wir kritisch begleiten und darüber hinaus wollen wir das Modell in Deutschland und Europa populärer machen. Durch Einfach Einsteigen wird es für alle Menschen in Bremen zukünftig möglich sein, ein erweitertes Nahverkehrsangebot ohne Tickets wahrzunehmen, sodass alle in Bremen „einfach einsteigen“ können.“

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