Universum Bremen - Der mobile Mensch

Der Mobile Mensch

Mobility Hub
#nachgefragt

Mobility Hubs in Bremen-Vahr

von Simone Cordes, 30. März 2020

In Bewegung: Mobilitätsstationen im urbanen Raum

Wie erleben wir die Mobilitätsangebote in unseren Wohnquartieren? Wollen wir mehr oder weniger Autos auf den Straßen? Diese Fragen stellte sich auch das Wohnungsunternehmen GEWOBA. In einem gemeinsamen Prozess mit Bürgerinnen und Bürgern sowie Fachleuten erdachte es Zukunftsvisionen für den Bremer Stadtteil Vahr. Ein Ergebnis daraus ist die Idee, sogenannte Mobility Hubs einzuführen, welche verschiedene Fortbewegungsmittel an bestimmten Orten bereitstellen und diese miteinander verknüpfen. Sie sollen an den ÖPNV angebunden und fußläufig leicht erreichbar sein. Sobald die Menschen verschiedene Sharing-Angebote komfortabel miteinander verbinden und dabei auch alternative Fortbewegungsmittel wie Lastenfahrrad oder E-Mobil nutzen können, so die naheliegende Vermutung, verliert der Parkplatz vor der Haustür für die meisten an Bedeutung. In einem Interview mit Jörn Ehmke, GEWOBA Aktiengesellschaft Wohnen und Bauen, konnten wir mehr zu den Hintergründen erfahren.

Wie entstand die Idee, Mobility Hubs in der Bremer Vahr zu errichten?

Jörn Ehmke: „Mit dem Leitbildprozess „Vahr 2035“ hat die GEWOBA im Jahr 2017 gemeinsam mit dem Senator für Umwelt Bau und Verkehr, dem Ortsamt Schwachhausen/Vahr und dem Ortsbeirat ein Nachdenken über die Zukunft des Stadtteils angestoßen, um auf die sich verändernden Rahmenbedingungen reagieren zu können. Ergeben haben sich daraus drei Zukunftsbilder, die wir seitdem mit verschiedenen Akteuren in der Stadt angehen: die „Mobile Stadt“, um die Infrastruktur langfristig zu optimieren und eine nachhaltige Mobilität zu fördern, die „Blau-Grüne Stadt“, um Wasserlagen und Parklandschaften erlebbar zu machen und die „Stadt für Alle“, um das Zusammenleben der Bürgerinnen und Bürger zu stärken. Diese Strategien greifen ineinander, bedingen und stärken sich. Das Projekt Mobility Hub hängt mit der „Mobilen Stadt“ zusammen. Ursprünglich war die Vahr in fünf Nachbarschaften geplant. Jede Nachbarschaft hatte ein Zentrum, in dem die Menschen einkauften, zur Schule und zur Kirche gingen und sich trafen. Diese Orte haben sich mit der Zeit jedoch verschoben. Hinzu kommt, dass die Vahr vor rund 70 Jahren u. a. nach dem Leitbild einer autogerechten Stadt geplant wurde. Heute bewegen sich die Menschen aber auch anders und in Zukunft wird sich das Mobilitätsverhalten weiter ändern. Der Fokus liegt zunehmend auf verschiedenen Mobilitätsträgern. Die Mobility Hubs reagieren damit auf die Veränderungen, die bisher schon stattgefunden haben, nehmen die aktuellen Entwicklungen auf und werden den sich ändernden Bedürfnissen der Menschen gerecht.“

Welches Potenzial sehen Sie in dem Stadtteil Vahr?

„Die GEWOBA als Wohnungsunternehmen kümmert sich natürlich darum, die eigenen Bestandsquartiere für die Zukunft fit zu machen. In Neubau-Stadtquartieren ist es relativ leicht, neue Angebote baulich unterzubringen – das ist aber nur ein geringer Prozentsatz. In den bereits gebauten Stadtquartieren Veränderungen zu ermöglichen, die von der Gesellschaft abgefragt werden, kann da schon etwas schwieriger sein. Und wenn wir diese Quartiere zukunftsfähig halten wollen, müssen wir uns selbstverständlich auch mit der Zukunft der Mobilität auseinandersetzen. Die Vahr ist unser größtes zusammenhängendes Quartier. Wir haben dort die Möglichkeit, verschiedene neue Angebote zu initiieren oder zu unterstützen und zu sehen, wie diese angenommen werden. Auf diese Weise können wir auch wertvolle Anhaltspunkte und Ansätze gewinnen, wie wir mit anderen Quartieren umgehen können.“

Wie sehen die ersten Schritte in der Umsetzung aus?

„Der Anfang ist bereits getan: Seit Ende November 2018 können die Leihfahrräder von WK-Bike in der Bremer Vahr genutzt werden, auch im Rahmen einer Flexzone. Carsharing-Angebote gibt es wiederum schon länger, sie sind aber noch nicht weit genug entwickelt. Packstationen gibt es seit kurzem auch auf verschiedenen GEWOBA-Grundstücken. Und im Prinzip stellt schon die Kombination aus Bikesharing, Carsharing, einer Packstation sowie einer Straßenbahnhaltestelle ein Hub in kleinster Form dar. Geprüft werden muss nun, wie die Angebote angenommen werden, um diese im nächsten Schritt nach den Wünschen und Anforderungen der Bürgerinnen und Bürger anzupassen und gegebenenfalls zu erweitern. Darüber hinaus muss den Mobilitätsangeboten beziehungsweise den Kreuzungspunkten ein Gesicht verliehen werden. Ein gutes Beispiel sind die Carsharing-Stationen in Bremen, die bereits durch sogenannte Mobil.punkte gekennzeichnet sind – gut sichtbar und einfach zu erreichen.“

Welche Angebote könnten Bürgerinnen und Bürger in Zukunft erwarten?

„Theoretisch könnten viele Angebote an einem Ort zusammenkommen: Carsharing, Bikesharing, eine Fahrradwerkstatt, Elektroladesäulen oder auch Paket- und Anlieferstationen, um zentrale Abgabepunkte zu schaffen. Zu beachten ist, dass die Menschen in verschiedenen Stadtteilen mehr oder weniger affin für bestimmte Mobilitätsangebote sind. Im innerstädtischen Raum könnte zum Beispiel mehr Druck bestehen, auf das eigene Auto zu verzichten, da die Parkplätze dort knapp bemessen sind. Das Interesse an Carsharing könnte dadurch möglicherweise höher ausfallen als in anderen Gebieten. Schlussendlich geht es auch um einen Übungsprozess, um Gewohnheiten und um die Frage, wie viel Veränderung man den Menschen zumuten kann. Und wenn ein Angebot gut angenommen wird, kann es wachsen. Das Prinzip Mobility Hub geht in gewisser Hinsicht auch davon aus, dass es veränderbar ist – auch räumlich. So könnte zum Beispiel ein Angebot an eine andere Stelle verlagert werden und dort funktionieren, wenn es an einer Stelle nicht so gut läuft. Natürlich beschäftigen wir uns als GEWOBA auch mit dem, was andere Wohnungsunternehmen machen und wie bestimmte Mobilitätsangebote in anderen Städten umgesetzt werden. Wäre es zum Beispiel denkbar, Angebote über eine App anzubieten? Oder könnte eine Mobilitätsflatrate für Bus, Bahn, Carsharing und Bikesharing, wie sie zum Beispiel in Augsburg angeboten wird, auch in Bremen funktionieren? Auch wenn das nicht immer unsere ureigenen Themen sind, haben wir das im Blick und schauen, inwiefern es für unsere Quartiere relevant ist. Die Möglichkeiten sind vielfältig.“

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